Chapter 03
Crowbars Rückfahrt führte ihn über das Autobahnkreuz Leverkusen, eigentlich ein Alptraum für jeden Autofahrer. Doch Samstagabend um 21:00 ging es. Crowbar wechselte von der A1 auf die A3 und fuhr einem LKW hinterher. Das war nicht nur entspannter, es sparte auch Sprit. Als er in Bonn die Kennedy-Brücke überquerte,
sah er eine junge Frau am Straßenrand stehen, die sich suchend umguckte. Für eine Sexarbeiterin auf der Straße eine ungewöhnliche Gegend und für die Jahreszeit war ihr Kleidung unzureichend. Was sie da als Ablenkleid trug, verwendeten andere als Gardinenstoff.
Crowbar hielt neben ihr an: „Mensch Mädel zieh dir bloß was an, du holst dir ja den Tod.“
Sie zitterte vor Kälte und gucke ihn an.
Ihre Zähne klapperten: „Wa-wa-was w-w-willst du-hu?“
Crowbar schaltete den Motor aus, stieg ab und reichte ihr seine Lederjacke.
“Da-da-danke.” schlotterte sie.
Er kramte seinen Notfall-Helm raus und hielt ihn ihr hin. Sie guckte ihn fragend an.
„Wenn ich jetzt losfahre, wird meine Jacke mich begleiten, entweder an meinem Körper oder an deinem.“
Crowbar stieg auf.
Sie setzte den Helm auf: „Und jetzt?“
„Deine Pflichten als Sozia sind denkbar einfach. Du hältst dich an mir oder der Sissybar fest, du schreist nicht rum, du zappelst nicht rum und du kotzt mir nicht ins Genick, egal was passiert. Schaffst du das?“
Sie überlegte kurz, nickte und kletterte ungelenk auf die Maschine. Der steuerte die nächste Dönerbude an. Zusammen betraten sie den warmen Laden. Er bestellte zwei Chai. Sie setzte sich an einen freien Tisch am Gang zum Klo.
Kurz darauf folgte ihr Crowbar mit dem Tee: „Zu allererst, ich bin Crowbar, und du?“
Er setzte sich und hielt ihr die Hand hin.
Sie ergriff sie zögernd: „Ich bin Sonja.“
„Angenehm, was treibt so eine reizende junge Frau wie du an so einem kalten Abend auf der Kennedy-Brücke in eine umgenähte Gardine gekleidet? In so einer Klamotte wäre meine Mutter nicht mal zur Arbeit erschienen.“
„Als was arbeitet deine Mutter?“
„Sexarbeiterin.“
„Oh.“
„Was oh? Meine Mutter macht wahrscheinlich in der Stunde mehr Kohle als du am Tag. Egal, zurück zum Thema. Was treibt dich in dem Fetzen an einem Samstagabend im Februar auf die Kennedy-Brücke?“
„Ich war mit meinem Freund und seinen Kumpels unterwegs. Wir wollten in einen Club, aber ich wollte nicht mehr mit, da sie mir schon zu voll waren. Da haben sie mich rausgeschmissen.“
„Warum bist du nicht wenigstens zum Bahnhof gegangen?“
„Keine Geld, kein Handy, keine Tasche, alles im Auto meines Freundes.“
Das leuchtete Crowbar ein. Die Gardine, die sie dem Mädel als Abendkleid verkauft hatten, konnte nirgendwo Taschen für irgendetwas haben.
„Wohin musst du?“
„Nach Düsseldorf, kannst du mir da helfen?“
„Nach Düsseldorf? Ha, ha, definitiv nicht.“
„Weshalb?“
„Hast du mal einen Blick auf das Thermometer riskiert? Ganz egal, wie wir das mit den Klamotten aufteilen, einer von uns beiden wird auf der Hälfte der Strecke tiefgefroren von der Maschine kippen und in tausend Eissplitter zerplatzen. Nee, nee, nee, da müssen wir eine andere Lösung finden. So jedenfalls nicht.“
„Dann laufe ich halt.“
Crowbar stutzte, sie schien es ernst zu meinen: „Sei nicht blöde, das sind mehr als 80Km. Das überlebst du nicht.“
„Was dann?“
„Ich probiere mal was, vielleicht klappt es.“
Crowbar verzog sich in den Gang zur Toilette, um zu telefonieren. Beim vierten Klingeln ging Sidney ran.
„Mäh?“, kam es schlaftrunken aus der Leitung.
„Moin Sid, entschuldige bitte die späte Störung aber hier bräuchte jemand deine Hilfe.“
„Hast mal auf den Tacho geguckt, wie spät das ist?“
Crowbar kramte aus der Westentasche seine Taschenuhr heraus und guckte drauf: „Anscheinend zu spät.“
„Ganz genau.“
„Es ist aber nie zu spät, jemandem in Not zur Seite zu stehen.“
„Das kann nur jemand behaupten, der noch nie im Rettungsdienst war.“
„Das ist deine Sicht der Dinge. Was ist? Magst du uns helfen?“
„Euch?“
„Jepp.“
„Wie viele seid ihr?“
„Zwei, und eine von uns braucht deine Hilfe.“
„Muss das sein?“
„Nicht zwingend, aber es wäre schon ein ganz schöner Arschlochmove von dir. Die Kleine ist hier im Abendkleid gestrandet. Kein Geld, kein Handy, nicht mal anständige Klamotten. So wie sie jetzt hier ist, wird sie die Nacht nicht überstehen.“
„Was hast du denn nun wieder angestellt?“
„Naja, also als ich über die Kennedy-Brücke gefahren und da war dieses junge Mädel …“
„Spar dir den Atem Crowbar, erzähl es mir, wenn ihr hier seid.“
„Cool, danke.“
Sidney hatte bereits aufgelegt.
Crowbar kehrte zum Tisch zurück: „Okay ich hab nen Pennplatz für dich klargemacht. Morgen sehen wir weiter, wie du nach Düsseldorf kommst.“
Er zog sich an und ging zu seinem Motorrad. Sonja blieb unschlüssig sitzen.
Crowbar drehte sich zu ihr: „Ich weiß nicht, was dein Plan ist, aber ich weiß, wie ich die Nacht überstehen werde und morgen dahin komme, wo ich hin will. Wie sieht es bei dir aus? Du kannst hier bleiben, aber meine Lederjacke kommt mit.“
Er war umgedreht, stand wieder vor ihr und guckte sie an. Langsam stand Sonja auf und folgte ihm zu seinem Motorrad.
„Eine weise Entscheidung, junges Fräulein.“
Als Sonja hinter ihm Platz genommen hatte, startete Crowbar den Motor und fuhr zu Sidney.