Crowbar – hero & outcast

Chapter 04

Crowbar erreichte nach einer kurzen Fahrt sein Ziel, Bonn-Endenich. Er parkte seine Maschine auf dem Gehweg neben Sidneys Haustür. Sonja reichte ihm seinen Zweit-Helm, den er gleich in einer der Satteltaschen verstaute.
„Willst du deine Taschen nicht mit hoch nehmen?“

, fragte Sonja, als Crowbar gerade klingelte.
„Warum?“
„Damit sie heute Nacht nicht ausgeräumt oder geklaut werden.“
„Das glaube ich nicht.“
„Hä?“
„Das heißt ‚Wie bitte?‘“
„Wie bitte?“
„Na siehst du, geht doch. Du pennst heute Nacht bei Sid und ich woanders.“
„Kann ich nicht bei dir übernachten?“
„Glaub mir Kleine, das willst du nicht.“
Der Summer der Tür ertönte und sie betraten das Treppenhaus.
Oben bei Sidney angekommen, wartete diese auch schon in Schlabberhose und T-Shirt am der Tür: „Kommt erst mal rein und an.“
Sie betraten die Wohnung. Sonja folgte Sidney und Crowbar schloss die Tür hinter sich. Als Crowbar ins Zimmer der Ein-Raum-Wohnung kam, saß Sonja auf der Couch und Sidney war in der Küche zu Gange. Crowbar nahm sich einen der zwei Bierkästen und setzte sich drauf.
Sidney kam zurück aus der Küche und setzte sich neben Sonja: „So lange der Tee zieht, könnt ihr mir erzählen, was euch hierher getrieben hat.“
Ein kurze Pause entstand, als sich Crowbar und Sonja nicht sicher waren, wer anfangen sollte.
Crowbar ergriff die Initiative: „Nachdem mich Katrin bei den Bullen in Chorweiler rausgehauen hatte, hielt ich es für eine gute Idee, über die A1 und die A3 zurück nach Bonn zu reisen. Auf der Kennedy-Brücken traf ich zu ihrem Glück Sonja.“
Hier begann Sonja mit ihrer Erzählung: „Eigentlich wollte ich mit meinem Freund und ein paar seiner Kumpels zum Feiern in einen Club. Wir hatten uns schon nachmittags in einer Shisha-Bar getroffen und waren abends mit dem Auto meines Freundes zu einer Party in Bonn unterwegs. Da wir aber nichts fanden und die anderen mir alle zu aggro wurden, hatte ich keine Lust mehr und wollte nach Hause. Das wollten die anderen nicht, also hatte mein Freund mich auf dieser Brücke rausgeschmissen.“
„Das ist echt nicht die feine englische Art“, kommentierte Sidney Sonjas Erlebnisse, „und die Abwesenheit von Geld, Handy und Papieren sorgte dafür, dass du quasi gestrandet bist?“
Sie wandte sich an Crowbar: „Jetzt beginne ich zu verstehen, warum der andere Rocker dich neulich in der Drag-Bar als Lumpensammler bezeichnet hat.“
„Sid“, erwiderte Crowbar, „wenn du in so einer Situation wärst, würdest du dich auch freuen, wenn man dir helfen würde.“
„Ja, ja, ist ja gut. Ich habe ja gar nicht gesagt, dass ich euch nicht helfe, schließlich sitz ja gerade hier in meinem Wohnzimmer. Wie sieht euer Plan für morgen aus?“
„Ich muss morgen irgendwie nach Düsseldorf zurück. Montag muss ich wieder zur Arbeit und ich will nach Hause.“, sagte Sonja.
„Das trifft sich gut, ich habe nämlich Spätschicht und somit auch nicht ewig Zeit. Wie willst du ohne Geld nach Düsseldorf kommen? Laufen?“
„Ich müsste mir irgendwo Geld leihen, um mir ein Ticket kaufen zu können.“
„Ach Quatsch, ich fahre dich mit dem Motorrad hin.“
„Aber du hast gesagt, dass das nicht möglich ist.“
„Nein, ich habe gesagt, dass das in deinen aktuellen Klamotten nicht möglich ist. Wenn Sidney so liebenswürdig ist, dir ein paar warme Klamotten zu borgen, dann ist es technisch möglich.“
„Aber ist das nicht viel zu teuer?“
„Bahnfahren? Auf jeden Fall. Das kostet problemlos mal eben 20€. Mit 20€ Spritkohle schaffe ich es locker bis Düsseldorf und zurück und hab noch 5€ für Abendessen übrig. Und zu zweit wären das ja 40€, da könnte man sogar schick Essen gehen.“
„Ja, ja, Crowbar. Wir haben es kapiert, das Motorrad ist besser als die Bahn.“, unterbrach Sidney ihn.
„Das hast du vollkommen korrekt erkannt, meine Liebe.“
Sonja guckte verwirrt zu Crowbar: „Ich verstehe nicht, was ihr vor habt.“
„Ganz einfach“, begann Crowbar zu erklären, „du pennst heute hier bei Sid auf der Couch. Sid pennt in ihrem Bett und ich nächtige im formidablen Hotel Kaiserplatz. Morgen nach dem Frühstück starten wir nach Düsseldorf.“
Währenddessen war Crowbar aufgestanden und hatte sich angezogen. Sidney suchte gerade ein paar Klamotten von sich heraus, die sie Sonja zum Schlafen und für die Reise am nächsten Tag leihen konnte. Sonja war verwirrt von dem, was in den letzten Stunden passiert war. Crowbar winkte ihr zum Abschied und verließ die Wohnung. Sidney kam mit den Kleidungsstücken zurück zur Couch und reichte sie Sonja.
Sonja begann sich umzuziehen: „Was ist so schlimm an diesem Hotel, das dein Freund mich bei dir unterbringt anstatt dort.“
„Er ist nicht mein Freund, er ist ein guter Freund.“
„Oh, entschuldige, aber was ist so schlimm an diesem Hotel?“
„Es gibt kein Hotel Kaiserplatz.“
„Was?“
„Das heißt ‚Wie bitte?‘“
„Wie bitte?“
„Es gibt kein Hotel Kaiserplatz, er pennt auf einer Parkbank am Kaiserplatz.“
„Ach, das meinte er damit, dass ich definitiv nicht bei ihm übernachten will.“
„Höchstwahrscheinlich.“
Sonja war umgezogen, setzte sich auf die Couch und wickelte sich in die Decke ein: „Dein Kumpel ist komisch.“
„Manchmal ist er sogar witzig.“, antwortete Sidney vom Bett aus.
„Warum tut er das?“
„Was meinst du?“
„Na all das, mir helfen, den Schlafplatz organisieren und so, den ganzen Aufwand hier.“
Unten von der Straße hörte man wie der Motor von „Sweet Gwendoline“ zu blubbern anfing, lauter wurde und sich dann entfernte.
Sidney lag mittlerweile in ihrem Bett und schaute gedankenverloren aus dem Fenster: „Ich habe keine Ahnung. Vermutlich ist es eine Mischung aus Hilfsbereitschaft, Trotz gegen die Gesellschaft, Idealismus und zu guter Letzt einfach, weil er es kann.“

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