Crowbar – hero & outcast

Chapter 05

Crowbars Handy piepte und riss ihn aus seinen Träumen. Er richtete sich langsam in seinem Schlafsack auf. Als er sich mit dem Oberkörper aus seinem Schlafsack schälte, fröstelte er und zog sich schnell seine Lederjacke über, die ihm letzte Nacht als Kopfstütze gedient hatte. Ein Blick auf sein Telefon verriet ihm, dass Sidney ihn geweckt hatte.


Ihre Nachricht lautete: „Kaffee ist fertig.“
Langsam wachte er auf und rieb sich die Augen. Ein zweiter Blick auf sein Handy offenbarte ihm, dass es gerade einmal zehn Uhr war. Er stieg aus dem Schlafsack, um an der kalten Morgenluft richtig wach zu werden.
Plötzlich setzte sich ein Punk neben ihn: „Na? Harte Nacht gehabt?“
„Ging so, ein paar Grad mehr hätten nicht geschadet.“
„Hat deine Alte dich vor die Tür gesetzt?“
„Dazu müsste ich erst mal ne Freundin haben.“
„Geräumt worden?“
„Nee, ne Wohnung hab ich schon lange nicht mehr.“
Der Punk betrachtete Crowbar eingehender: „Nicht mehr genug Sprit bis zum Ziel?“
„Mein Ziel hab ich schon erreicht.“
„Du hast hier gepennt?“
„Jepp.“
Der Punk holte zwei Bier raus und öffnete eines davon: „Klingt scheiße.“
„Geht so.“
„Dein Leben ist scheiße“, er bot das andere Bier Crowbar an, „weil du kein Punker bist.“
„Aha“, kommentierte es Crowbar.
„Warum?“
Der Punk setzte seinen Vortrag fort: „Wenn du Punker wärst, hättest du viel mehr Spaß. Punker müssen niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen. Wir können alles machen was wir wollen. Nichts ist verboten, alles ist erlaubt.“
„Wenn du meinst. Gib mir mal dein Bier.“
„Warum?“
„Weil meins noch geschlossen ist und ich Durst habe.“
„Aber mach mir keine Splitter rein.“
„Vertrau mir, ich weiß was ich tue.“
Er trank das offene Bier auf ex und drückte seinem Sitznachbarn beide Flaschen in die Hand: „Halt mal kurz.“
Crowbar stand auf und packte seinen Schlafsack ein. Der Punk glotzte ihn verdattert an. Crowbar kümmerte sich nicht um ihn. Er ging zu „Sweet Gwendoline“, verzurrte seinen Schlafsack an der Sissybar und startete den Motor. Als er losfuhr, rief ihm der Punk noch hinterher, dass er falsch herum durch die Einbahnstraße fuhr. Er zeigte ihm den gestreckten Mittelfinger zum Abschied. Zehn Minuten später erreichte er Sidneys Wohnung. Als er das Treppenhaus betrat, roch es schon nach frisch gebrühtem Kaffee, eine willkommenes Konterprogramm zum Bier. Der Couchtisch war für das Frühstück gedeckt.
Nachdem sich Crowbar mit belegten Brötchen und Kaffee versorgt hatte, fragte er Sonja: „Willst du einfach nur nach Hause fahren oder möchtest du nach Hause reisen?“
Sonja verstand die Frage nicht.
Sidney übersetzte ihr Crowbars Frage: „Möchtest du über die Autobahn nach Düsseldorf oder über die Bundes- und Landstraßen?“
„Wo ist der Unterschied?“
„Auf der Autobahn bist du schneller und langweiliger unterwegs. Auf der Landstraße ist es gediegener mit mehr Zeit.“
„Es ist kalt und ich will nach Hause, also über die Autobahn.“, entschied Sonja.
Während sie weiter aßen, fielen Sonja die Tätowierungen auf Crowbars Fingerrücken auf.
Sie versuchte es zu entziffern jedoch waren Crowbars Hände entweder in Bewegung durch Essen und Gestikulieren oder die Tattoos waren von Crowbars Haltung verdeckt. Als Sonja ihre Neugier nicht mehr zügeln konnte fragte sie: „Was bedeuten die Tattoos auf deinen Fingern? Sind das Esoterische Symbole?“
Crowbar hielt beide Hände, mit den Handflächen zu sich gerichtet hoch.
„Die hier? Im Leben nicht. Bleib mir vom Leib mit so einer Eso-Kacke, das Beste an dem ganzen Eso-Mist sind die freizügigen Mädels, das war es dann aber auch schon.“
Sonja versuchte einen Sinn in den Zeichen zu erkennen.
[CROW BAR! FALSCHRUM]
„Was soll das bedeuten? Hast du das selber tätowiert?“
„Nein, soviel Fingerfertigkeit habe ich nicht, außerdem wie soll ich als Rechtshänder mir denn die rechten Finger tätowieren? Mit links?“
„So sieht es zumindest aus.“
„Nein, meine Tätowiererin hat mir das im Gegenzug für eine Flasche Tequila gestochen. An diesem Tag habe ich gelernt, dass man einen Tattoo-Artist nicht mit Schnaps bezahlt, vor allem nicht per Vorkasse.“
„Was ist passiert?“
„Nachdem sie die Flasche geleert hatte, klebte sie mit Gaffa-Tape einen Füller an einen kleinen Hammer und nannte es ihre Reise-Tätowiermaschine und wollte mich damit in der Kneipe tätowieren. Wir konnte sie gerade noch davon abhalten, es wirklich zu tun, zu viert.“
„Was bedeuteten diese Zeichen denn nun?“
Crowbar ballte seine Hände zu Fäusten und drehte sie mit dem Handrücken nach oben. Nun war auf seinen Fingerrücken in altenglischer Schrift zu lesen: [CROW BAR!]
„Warum ist da ein Ausrufezeichen hinten dran?“, fragte Sonja.
„Naja, acht Finger, aber nur sieben Zeichen, das sähe doch kacke aus.“
„Das ist doch aber nicht dein richtiger Name.“
„Nein, mein Sklavenname ist anders, aber den benutzen nur dumme Leute, die mir auf den Keks gehen wollen, Sachbearbeiter oder Bullen. Die vernünftigen Leute nenne mich Crowbar.“
„Warum?“
Crowbar zog aus der Innenseite seiner Kutte ein kleines Nageleisen: „Das, ist ein Nageleisen, auch Kuhfuß genannt. Es gibt sie in diversen Größen und Ausstattungen. Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr. Die meisten nennen es fälschlicherweise Brecheisen, was auf Englisch ‚Crowbar‘ heißt.“
„Weil du immer eines dabei hast.“
„Mindestens.“
Nachdem das Frühstück beendet war, verabschiedete sich Sonja von Sidney: „Danke für die Unterkunft. Falls du jemals in Düsseldorf festsitzen solltest, ruf mich an oder wenn du so in der Stadt bist.“
„Mach ich, obwohl mich wenig nach Düsseldorf zieht.“
Unten auf der Straße bot das Tageslicht für Sonja so manche kritischen Punkte an „Sweet Gwendoline“, so das sie sich nicht mehr sicher war, ob sie wirklich auf dieser Maschine nach Düsseldorf fahren wollte.
Crowbar bemerkte ihre kritische Blicke: „Was ist? Hast du was gegen ‚Sweet Gwendoline‘?“
„Ein bisschen zu viel ‚Die Ärzte‘ gehört?“
„Man kann nie zu viel ‚Die Ärzte‘ hören.“
„Sie wirkt ganz schön runtergerockt.“
„Sie hat gerade mal 50.000km auf der Uhr.“
„Naja, wenn sie soviel Erfahrung hat, dann wird sie die kommenden 80Km auch noch schaffen.“
„Ganz genau.“
Crowbar schwang sich auf die Maschine und startete den Motor. Sonja folgte seinem Beispiel und setzte sich hinter ihn und hielt sich an ihm fest.

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