Crowbar – hero & outcast

Chapter 06

Crowbar lenkte „Sweet Gwendoline“, Sonjas Wunsch entsprechend, auf die Autobahn über Köln-Porz nach Düsseldorf. Wie erwartet, war der Verkehr entspannt und die Fahrt für Crowbar so aufregend wie ein Tennisspiel.

So wie sich Sonja von hinten an ihn schmiegte, war er sich nicht ganz schlüssig, ob sie sich nur extra gut an ihm festhielt oder schon kuschelte. Einen warmen Rücken hatte er auf jeden Fall. Unter seinem Halstuch, das seinen Mund und seine Nase vor dem schneidend kalten Fahrtwind schützte, grinste er schelmisch. Er würde einen Teufel tun, sich darüber zu beschweren. Am Kreuz Köln-Gremberg wurde es kurz knifflig für Crowbar, einmal falsch abgebogen und sie hätten sich durch den Wust des Kölner Stadtverkehrs quälen müssen. Das tut sich niemand freiwillig an. Eine dreiviertel Stunde später erreichten sie endlich Sonjas Wohnung in Düsseldorf. Erleichtert stieg sie ab.
Nachdem sie den Helm abgesetzt hatte, streckte sie sich und sagte: „Danke für das Nach-Hause-Bringen, das war eine kalte aber auch aufregende Fahrt.“
Crowbar hielt beim Kramen an seinem Motorrad inne: „Ich sag es immer wieder, Motorrad fahren ist die einzig wahre Art zu Reisen. Bei allem anderen bist du nur Fracht. Es heißt ja im Englischen nicht umsonst ‚Cargo‘.“
Sonja schmunzelte: „Kann ich deine Nummer haben?“
„Klar, wofür?“
„Wenn ich mal wieder in Bonn bin, wollte ich dich und Sidney zum Essen einladen, als Dank für eure Mühe.“
„Klingt gut, hast du etwas zum Schreiben?“
„Ich kann es ja in mein Han …“, frustriert hielt sie inne, „Nein, ich hab nichts zum Schreiben.“
Crowbar holte aus seiner Hosentasche einen Edding, ergriff Sonjas Hand und schrieb ihr seine Handynummer auf den Handrücken. Zum Abschied umarmten sie sich. Crowbar verzurrte sein Gepäck und Sonja ging zur Haustür.
Dort fiel Sonja wieder ein das sie ja ihren Schlüssel nicht dabei hatte: „Verdammt!“
„Keine Schlüssel?“, fragte Crowbar spöttisch.
„Ja, die liegen immer noch bei meinem Freund im Auto.“, rief sie zurück.
Crowbar schlenderte lässig zu ihr: „Das ist kein Beinbruch, das kriegen wir hin.“
Sonja wusste nicht wie sie aus dieser Misere herauskommen konnte: „Und wie?“
„Wie gut kennen dich deine Nachbarn?“
„Ähh, gut, wir plaudern ab und zu im Treppenhaus.“
„Gut, dann klingelst du jetzt bei einem von ihnen.“
„Und was sage ich ihnen?“
„Die Wahrheit, dass du deinen Schlüssel vergessen hast.“
Sonja klingelte und sagte ihrer Nachbarin Bescheid.
Als sie auf den Fahrstuhl warteten, fragte Crowbar: „In welchem Stock wohnst du?“
„Ganz oben.“
„War ja klar.“
„Wieso war das klar?“
„Weil abgesehen von Penthäusern, oben immer die billigsten Wohnungen sind.“
Vor Sonjas Tür zog Crowbar ein Etui aus seiner Kutte und packte ein Satz Dietriche aus. Er kniete sich vor die Tür und begann mit Spanner und Sonde in Sonjas Wohnungsschloss herum zu stochern.
„Hee, Sie da, hören Sie sofort auf oder ich rufe die Polizei.“
Crowbar gucke in die Richtung aus der sie angesprochen wurden.
„Was soll der Zeckmeck denn jetzt?“, dachte er.
Er guckte in der Hoffnung zu Sonja, dass sie die Situation aufklären könnte. Dabei fiel ihm auf, das sie von der Fahrt immer noch ihre Vermummung gegen sie Kälte an hatten. Crowbar stand auf und zog sich das Halstuch aus dem Gesicht.
Sonja versuchte mit aufgesetzter Sturmhaube zu erklären: „Ich wohne hier, aber ich habe meinen Schlüssel vergessen.“
Die Nachbarin glaubte ihr nicht. Crowbar beobachtete belustigt die Szene. Aufgrund des Unglaubens der Nachbarin verzweifelte Sonja langsam.
Crowbar half ihr: „Sunny, setzt doch einfach mal die Sturmhaube ab.“
Sonja stutzte kurz, dann wurde ihr klar wo das Problem ihrer Nachbarin lag. Zwei Maskierte mit Einbruchswerkzeug taten Einbrecherdinge. Sie zog sich die Maske vom Kopf und als ihre Nachbarin sie erkannte, entspannte sie sich augenblicklich. Crowbar wandte sich wieder dem Schloss zu.
„Warum ruft ihr denn keinen Schlüsseldienst?“, fragte die Nachbarin.
Crowbar brummelte: „Bis der hier ist, hab ich die Tür dreimal geöffnet und bei dem, was die an Kohle dafür haben wollen, kann ich die Tür gleich eintreten und morgen einen Tischler bestellen. Der könnte sogar billiger werden.“
Nach ein paar Minuten schwang die Tür auf und Crowbar legte gleich sein kleines Nageleisen in den Türrahmen, damit die Tür nicht einfach wieder zu fallen konnte.
Sonja ging in ihre Wohnung: „Boah, jetzt hast du mir schon wieder den Arsch gerettet.“
„Wäre ja auch schade um das Prachtstück.“, kommentierte Crowbar mit einem Blick auf Sonjas Hinterteil.
Sonja warf einen Blick in den Garderobenspiegel im Flur, vor dem sie zufällig stand, drehte sich ein wenig und betrachtete ihren Hintern: „Wenn du meinst.“
Sie war sich nicht sicher, was sie mit Crowbars Kommentar anfangen sollte. Der war gerade dabei, seinen Dietriche wieder einzusortieren.
Als er fertig war, sagte er: “So, ich würde mich dann verabschieden. Ich wünsche dir noch einen angenehmen Sonntag, vielleicht bringt dir dein Freund dein Geraffel vorbei.“
Sonja umarmte ihn erneut zum Abschied und sagte: “Melde dich mal, wenn du wieder in der Gegend bist.“
„Dito, meine Liebe, mach’s gut.“
Crowbar ging zum Fahrstuhl, während ihm Sonja von der Wohnungstür aus hinterher schaute. Unten schwang er sich auf „Sweet Gwendoline“ und machte sich auf den Weg zurück Richtung Bonn. Von ihm unbemerkt startete kurz darauf ein ein champagnerfarbener BMW und folgte ihm.

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