Chapter 10
Crowbar hatte die letzten Tage zum Großteil mit Schlafen verbracht. Nun fühlte er sich fit genug, um aufzustehen. Es war spät am Morgen, als er Ratchets Werkstatt betrat. Der schraubte an einer alten Yamaha Virago und verfluchte wie immer deren Konstrukteure.
„Na, was schimpfst du, Meister aller Tassen?“
„Die übliche Scheiße bei der Virago, die Sache mit dem geteilten Tank und so.“
„Ja, ja, die Grundidee war gut, aber die Umsetzung hat den Rest versaut. Aber egal, wie geht’s ‚Sweet Gwendoline‘?“
Ratchet zog eine Schraube an der Maschine fest und ging mit Crowbar zu dessen Maschine, die weiter hinten in der Werkstatt stand. Ihr Anblick war deprimierend. Der Tank war verbeult, die Bemalung zerkratzt, der Lenker vom Sturz verbogen und das Pedal der Fußbremse sah auch nicht mehr so original aus. Im Reifen des Hinterrades klafften mehrere Löcher.
„Da hat sich jemand richtig ausgetobt.“, resümierte Ratchet.
„Da haben sich einige erfolgreich darum beworben, dass ich mich mal so richtig an ihnen austobe. Was meinst du, wie lange du brauchst?“
„Hm, ich schlage vor, dass wir sie gleich fit für den TÜV machen, dann hast du an der Front erst mal Ruhe. Den Lenker, Spiegel, Hebel und Bremspedal hab ich morgen, spätestens nächste Woche da, die Reifen vermutlich nächste Woche. Beim Tank kommt es drauf an, ob du haargenau den gleichen willst oder ob es auch ein ähnlicher tut. Mit der Bemalung musst du Saw anhauen. Wenn alles klappt, fährt sie in zwei bis drei Wochen.“
„Also hab ich vier Tage, mir die Burschen zu schnappen, um mich mit ihnen auseinander zu setzen? Knapp aber möglich.“
„Wieso nur vier Tage?“, fragte Ratchet, „Hast du nach der Reparatur schon was vor?“
„Nichts konkretes, aber ich bin der Ansicht, dass die Strafe zeitnah auf das Fehlverhalten erfolgen muss, damit ein Zusammenhang zwischen Aktion und Reaktion hergestellt wird.“
„Das hast du doch aus eine Trainingshandbuch für Hunde.“
„Na und, sind doch auch Hundesöhne die meine Maschine und mich zu so zugerichtet haben.“
„Ja, wo du Recht hast, hast du Recht. Wie stellst du dir das mit der Bezahlung vor?“
„Wie immer, eine Arbeitsstunde für mich ist später eine Arbeitsstunde für dich und die Materialkosten durch 15 ergeben meine Arbeitsstunden für das Material.“
„Einverstanden, schlag ein.“
Sie besiegelten den Handel per Handschlag.
Abschließend fragte Crowbar: „Hast du zufällig nen Ersatzhobel für mich?“
„Nee, leider nicht.“
„Echt gar nichts? Ich nehme zur Not auch so nen hässlichen Joghurtbecher oder Reiskocher, Hauptsache zwei Räder und nen Motor.“
Ratchet guckte zur gegenüberliegenden Werkstattwand und überlegte, wie er seinem besten Freund aus der Patsche helfen konnte.
„Eine Möglichkeit gibt es noch, aber ich bin mir sicher, dass sie dir nicht gefallen dürfte.“
Sie gingen auf den Hof.
„Egal, ich brauch ein Fahrzeug, ich hab ein paar Dinge zu erledigen.“
„Du meinst ein paar Typen.“
„Auch.“
Sie standen vor einem alten Roller eines Pizzalieferanten: „Das ist alles, was ich dir anbieten kann.“
Die Thermokiste für die Pizzen war demontiert, aber die alten Aufkleber zeugten von seiner bisherigen Verwendung.
„Wenn wir uns nicht so lange und gut kennen würden, dann würde ich dir jetzt eine klatschen.“
„Ich wusste, dass es eine Zumutung für dich ist. Auf der anderen Seite, sieh es mal so, dieser Sym Xpro50 hat nen 6-Liter-Tank und verbraucht ca. 2 Liter auf 100km.“
„Es ist ein Roller!“
„Je oller, desto Roller.“
„Fick dich!“
„Also, was ist, nimmst du ihn?“
„Hab ich eine Wahl?“
„Roller, Öffentliche oder zu Fuß.“
„Nicht witzig, rück die Schlüssel und die Papiere rüber. Dafür werden die Wichser extra zahlen.“
Ratchet ging in sein Büro, Crowbar zu seiner Maschine und löste das Brecheisen aus der Sissybar.
Als er zurück zu seinem vorübergehenden Fahrzeug kam, füllte Ratchet Benzin ein: „Du musst gucken, ob die Batterie noch mitmacht.“
Crowbar versuchte mittels des Startknopfes den Roller zum Leben zu erwecken. Außer einem leisen Jaulen des Starters passierte nichts. Also bockte Crowbar das Gefährt auf seinem Hauptständer auf und begann, den Kickstarter zu traktieren. Nach ewigen Ankicken war sich Crowbar nicht mehr sicher, ob es ein Motorroller war oder er das Fahrzeug nur über den Kickstarter aufgezogen hatte. Mit dem Knattern des Motors in den Ohren und Zorn im Herzen verließ Crowbar Ratchets Hof.