Chapter 11
Crowbar bewegte sich mit Vollgas über die Landstraße. An die Autobahn war mit dieser Krücke nicht mal nachts zu denken. Der Himmel war blau und die Luft für diese Jahreszeit verhältnismäßig warm.
Dennoch war die Fahrt für Crowbar eine Tortur. Er hatte nichts dagegen, entspannt und entschleunigt auf den Landstraßen durch die Gegend zu cruisen. Das hier jedoch war nicht cruisen, das hier war kriechen. In Köln-Nippes hatte Crowbar überlegt, ob er sich eine Zeitung kaufen sollte, da die Fahrt so langweilig bin war, dass er locker eine Zeitung dabei lesen könnte. Nur Zugfahren wäre schlimmer gewesen, eine Aneinanderreihung von warten. Warten das der Zug kommt, warten das der Zug losfährt, warten das der Zug ankommt, warten das man endlich aussteigen darf. Crowbar hasste Warten. Nach zwei Stunden, die Crowbar wesentlich länger vorkamen, erreichte er endlich Sonjas Haus.
Kurz nachdem er klingelte meldete sich Sonja: „Ja bitte?“
„Moin Sunny, kann ich rein kommen?“
„Warum?“
„Ich bräuchte mal deine Hilfe.“
„Es ist gerade ungünstig.“
„Sunny, ich hab dir geholfen, nun brauche ich deine Hilfe.“
„O-okay, komm hoch.“, stammelte sie verlegen in die Wechselsprechanlage.
Als Crowbar aus dem Fahrstuhl stieg, war Sonjas Tür verschlossen. Nachdem Crowbar geklopft hatte, öffnete Sonja die Tür. Sie war irrwitzig stark geschminkt. Dennoch konnte sie das Veilchen nicht komplett verbergen.
Als Sonja Crowbars Gesicht sah, das das vom Überfall mittlerweile kunterbunt war, erschrak sie: „Was ist dir denn passiert.“
„Das gleiche könnte ich dich fragen, für dein Makeup brauchst du ne Baugenehmigung.“
Sonja schaute beschämt zur Seite: „Ich bin aus Versehen gegen den Türrahmen gelaufen.“
„Darf ich reinkommen oder möchtest du das zwischen Tür und Angel besprechen?“
Sonja ließ Crowbar rein und führte ihn in die Küche.
„Also dieser ‚Türrahmen‘, gegen den du gelaufen bist, der fährt nicht zufälligerweise einen champagnerfarbenen BMW?“
Sonja guckte ihn überrascht an: „Äh, ja.“
„Dann hab ich mit dem Typen ein paar Hühner zu rupfen.“
„Was denn für Hühner?“
„Das erste dafür, dass er ein Feigling ist, das zweite, dass er sich an Schwächeren vergreift, das dritte, dass er meine Maschine demoliert hat und das vierte, dass ich deswegen ich jetzt Roller fahren muss. Dafür werden er und seine Kumpels fürchterlich bluten.“
„Was haben sie dir getan?“
„Nachdem ich dich hier abgesetzt hatte, wollte ich zurück nach Bonn. Kurz nachdem ich losgefahren war, hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden. Ein champagnerfarbener BMW ist echt alles andere als unauffällig. Als ich dann Düsseldorf über die B9 verlassen hatte, war ich mir sicher, dass der BMW mich verfolgt. Zwischen Dormagen und Chorweiler haben sie mich dann von der Straße abgedrängt und mit Pfefferspray und Basi zusammengeschlagen.“
„Mit einem Besen?“
„Nein, mit einem Baseballschläger. Danach haben sie noch mein Maschine demoliert. Wenigstens konnte ich einem von denen die Nase brechen.“
Sonja hatte während Crowbars Bericht begonnen, heißes Wasser in eine Teekanne zu gießen. Nun zündete sie mit einen Streichholz ein Teelicht in einem Stövchen an. Beide betrachteten die Kanne, während der Tee zog.
„Was ist dir passiert, dass du zugerichtet bist?“, unterbrach Crowbar die Stille.
Abends, nachdem du mich hergebracht hattest, klingelte es. Es war Pascal. Ich dachte, dass er vorbei kam, um sich zu entschuldigen und mir meine Sachen zu bringen. Aber sobald ich die Tür geöffnet hatte, fing er an mich anzuschreien und zu beleidigen. Dann hatte er mir noch einem Faustschlag verpasst und ist abgehauen.“
„Was haben deine Nachbarn gemacht?“
„Nichts.“
„Feiglinge. Wo kann ich das Arschloch und seine Kumpels finden?“
Während Sonja von Angriff ihres Freundes berichtete, hatte sie aus Nervosität mit einer Streichholzschachtel gespielt.
„Sag mal, wo kommen diese Streichhölzer her?“
Sonja betrachtete sie und las den Aufdruck vor: „‘Pearl of Persia – Shishabar & Club‘. Die muss Pascal hier bei einem seiner letzten Besuche liegen gelassen haben.“
Sein Handy hatte die Schlägerei nicht überlebt und so hatte ein uraltes Modell von Sidney übernommen. Bei dem Teil war an Internetzugriff nicht mal im Fiebertraum zu denken.
„Such mir bitte die Adresse raus.“
Sonja hatte die Adresse schnell gefunden: „Ich schicke sie dir per Whatsapp, okay?“
„Das kannst du gerne versuchen, aber das wird an zwei Dingen scheitern. Erstens ich habe kein Whatsapp und zweitens, was denkst du, würde das auf diesem Modell laufen?“
Crowbar hielt ein Mobilfunktelefon mit Tastenfeld vor Sonjas Nase.
Sonja überlegte: „Ähm, aber SMS kann der Knochen schon?“
Crowbar verdrehte die Augen: „Komm, ich schreib sie mir einfach auf ein Blatt Papier.“
Nachdem er seinen Tee geleert hatte zog er sich wieder an: „Wenn mir deine Sachen in die Hände fallen sollten, melde ich mich bei dir, so schnell ich kann.“
„Hast du meine Nummer noch?“
„Ja.“
„Du meintest doch, dein Handy sei kaputt.“
„Mein Handy ja, mein Telefonbuch nicht.“
Sonja gucke ihn fragend an.
„Schätzelein, meinst du, ich wäre so alt geworden, wenn ich mich dämlich anstellen würde?“
Crowbar zog aus seiner Weste ein kleines Büchlein mit einen Telefonsymbol, zeigte es ihr, verstaute es wieder und griff nach seinem Helm, der an Sonjas Garderobe hing.
„Ich muss los, ich wünsche dir gute Besserung und melde mich wenn ich was für dich habe.“
Sonja begleitete Crowbar zur Tür: „Danke, viel Erfolg und gute Fahrt.“
„Haha, sehr witzig.“, brummelte Crowbar.
Sonja schaute Crowbar hinterher bis sich die Aufzugtür zwischen beiden schloss.
„‘Pearl of Persia‘, bei dem Namen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ich mit einem der MCs ins Gehege komme.“, dachte sich Crowbar.