Chapter 02
Crowbars Ankunft auf der Wache wurde dokumentiert und er wurde wieder einmal erkennungsdienstlich behandelt. Nachdem man ihm alle Schnüre, Bänder und Ketten abgenommen hatte, brachte man ihn in eine Zelle. Durch die geschlossene Tür hörte er, wie die Beamten seine Sachen durchsuchten und kommentierten.
„Was ist in dem Portemonnaie?“
„Hmm, Ausweis, Geldkarte, hä, was ist das hier?“
„Zeig mal her. Das ist ein ‚Kleiner Waffenschein‘“, nach einer Pause, „wenn sogar der den hat, dann scheinen sie die Dinger zu verteilen, als wären es Süßigkeiten. Naja, mit der Nummer hier dürfte sich das erledigt haben. Ist noch was drin?“
„Ja 70€ in bar.“
„Nein.“
„Wie?“
Crowbar hörte ein leises Rascheln.
„Siehst du hier irgendwelches Geld? Woher soll denn so ein Penner wie der Geld haben?“
„Na er hat doch eine Harley. Das ist sogar ne Roadking, ein echt edles Teil.“
„Die ist gestohlen.“
„Also laut der Zentrale ist das Fahrzeug nicht zur Fahndung ausgeschrieben.“
„Vertrau mir, ich weiß was ich tue.“
Kurz darauf wurde Crowbar von PK Spree aus der Zelle in ein Verhörraum gebracht, er trug noch Handschellen.
„Also, Sie sind Dietrich Schmudinsky?“, begann PK Spree seine Befragung.
„Anwalt!“, war Crowbars erste Reaktion seit der Verkehrskontrolle.
„Was?“
„Das heißt ‚Wie bitte?‘ Ich möchte meine Anwältin anrufen.“
„Hä?“
„Wenn Sie so weitermachen, unterhalten wir uns in einer halben Stunde nur mit Grunzen und Rülpsen.“
PK Sprees Kollege verließ den Raum.
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“
„Bitte nicht, ich hab’s im Kreuz.“
„Finden Sie das lustig?“
„Anwältin.“
„Was?“
Crowbar seufzte erschöpft: „Das führt zu nichts, wir drehen uns im Kreis.“
In dem Moment betrat Sprees Kollege erneut den Raum, in der Hand ein Telefon.
Mit gefesselten Händen wählte Crowbar die Nummer seiner Anwältin, zum Glück ging sie gleich ran: „Rechtsanwältin Dr. Katrin Reider, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Dietrich Schmudinsky, Festnahme, Anzeige, Befragung, Polizeiwache Chorweiler.“
Seine Anwältin reagiert etwas frustriert: „Okay, okay, halt noch ein bisschen aus, in einer halben Stunde sollte ich da sein. Bau keinen Mist.“
Sie legte auf. Mit dem Wissen, dass die Kavallerie in Gestalt von Dr. Katrin Reider unterwegs war, entspannte sich Crowbar. Er guckte PK Spree an und hielt seine Handschellen hoch. Dieser guckte ihn fragend zurück. Crowbar ließ seine Arme sinken und lehnte sich zurück. Sie starrten einander schweigend an.
Nach einiger Zeit brach Polizeikommissar Spree das Schweigen: „Also, Sie sind Dietrich Schmudinsky?“
„Crowbar.“
„Was?“
„Das heißt ‚Wie bitte?‘“
„Wollen Sie mich verarschen?“
„Nein, korrigieren.“
„Hä?“
„Wenn Ihr Wortschatz in dieser Geschwindigkeit weiter schwindet, dann kommunizieren wir beide in einer Stunde nur noch mittels Grunzen, Rülpsen und Furzen.“
Was bei ihm und seinen Kollegen wahrscheinlich Gang und gäbe war, dachte sich Crowbar.
„Wollen sie mich verarschen?“, fragte Polizeikommissar Spree.
„Nein.“
„Hör mal Freundchen …“
„Erstens wüsste ich nicht, dass ich Ihnen das ‚Du‘ angeboten hätte, zweitens bezweifele ich, dass wir jemals Freunde werden. Also bitte, bleiben Sie beim ‚Sie‘.“
„Dir steht die Scheiße bis zum Hals …“
„Sehen Sie, das ist ja gerade der Grund, dass ich den Kopf nicht hängen lasse.“
„Wir haben dich am Arsch wegen Verstoß gegen das Waffengesetz und Diebstahl.“
„Sind Sie sich da sicher?“
„Wir haben eine Knarre bei dir gefunden …“
„Bei Ihnen, ich habe Ihnen immer noch nicht das ‚Du‘ angeboten.“
In diesem Moment brannte bei PK Spree eine Sicherung durch. Er packte Crowbar am Kragen, holte aus und schlug zu.
„SPREE! SIND SIE VOLLKOMMEN WAHNSINNIG? LASSEN SIE SOFORT DEN MANN IN RUHE!“
Von Kommissar Spree unbemerkt hatten sein Vorgesetzter, Polizeiobermeister Ber, und Crowbars Anwältin den Raum betreten. Sein Vorgesetzter zerrte Kommissar Spree vom Tisch und schob ihn aus dem Raum. Blut tropfte von Crowbars Nasenspitze auf die Tischplatte. Unter größter Anstrengung hatte Crowbar sich zusammengerissen, sich nicht sofort auf Spree gestürzt, um ihm, so gut es ging, die Fresse zu polieren. Katrin legte ihren Motorradhelm auf den Tisch und reichte Crowbar ein Taschentuch, das er mit beiden Händen an die Nase hielt.
„Könnten Sie meinem Mandanten bitte die Handschellen abnehmen? Meiner Beobachtung zufolge scheint von ihm keine Bedrohung auszugehen.“
Ber schien nun sehr daran interessiert, die Situation zu deeskalieren und mit minimalem Schaden über die Bühne bringen. Er nahm Crowbar die Handschellen ab. Dieser rieb sich die Handgelenke und lehnte sich entspannt zurück.
Vor der Polizei sprach Katrin Crowbar mit seinem bürgerlichen Namen an: „Dietrich, wie geht es dir?“
„Bis mir Herr Spree über den Weg lief, war es schöner Tag.“
Crowbars Anwältin wandte sich an Polizeiobermeister Ber: „Was wird meinem Mandanten zur Last gelegt?“
Polizeiobermeister Ber hatte bis eben die Unterlagen von Kommissar Spree studiert: „Aus den Aufzeichnungen vom Kollegen Spree geht hervor, dass ihm Schwerer Diebstahl und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen wird.“
„Könnte ich mich mit meinem Mandanten unter vier Augen besprechen?“
Ber nahm seine Papiere und verließ den Raum.
„Crowbar, was für eine Scheiße hast du jetzt wieder verzapft?
„Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ich bin einfach durch die Gegend gecruist und dann haben die Bullen mich gefickt.“
„Du sollst Ficken nicht im negativen Kontext benutzen, hab ich dir gesagt.“
„Ja, Mutter.“
Katrin verdrehte die Augen: „Was ist mit dem Motorrad? Was mit der Sache wegen des Waffengesetzes?“
„Das Motorrad ist auf Ratchet angemeldet, damit die alte Hexe keinen Cent von mir bekommt, und der Revolver ist eine Schreckschussausführung, ein Zoraki R1 mit 4,5 Zoll langem Lauf. Alles völlig legal, hab sogar nen Schein dafür.“
„Crowbar, du machst es einem nicht gerade einfach, dich aus dem Knast rauszuhalten. Aber es klingt, als ob die ganze Sache vor Gericht keinen Bestand haben wird, falls es überhaupt so weit kommt.“
„Wäre schön, wenn überhaupt nicht soweit kommt.“
Katrin überlegte: „vielleicht lässt sich noch ein bisschen Geld für dich rausholen. Lass uns erst mal sehen, dass wir die Anzeigen vom Tisch bekommen.“
Katrin verließ den Raum, um Polizeiobermeister Ber wiederzuholen.
Als sie den Flur betrat, sah sie, wie Kommissar Spree gerade von Ber zur Sau gemacht wurde: „Was fällt Ihnen ein? Einen gefesselten Verdächtigen körperlich anzugreifen? Wissen Sie, was da auf uns zukommen kann? Bürokratisch? Disziplinarisch? Seit über 10 Jahren hat diese Wache sich keinerlei Fehlverhalten zu Schulden kommen lassen. Ich will, dass das so bleibt.“
Katrin erhob ihre Stimme: „Herr Ber, können wir dann fortfahren?“
Polizeiobermeister Ber guckte zu ihr und wandte sich an Spree: „Darüber reden wir noch einmal.“
Danach wandte er sich an Katrin und folgte ihr in den Befragungsraum.
„Was werfen Sie meinem Mandanten vor?“, begann Katrin das Gespräch.
„Da das Motorrad, auf dem er angetroffen wurde, nicht auf ihn angemeldet ist, ging Polizeikommissar Spree davon aus, dass es gestohlen wurde.“
„Dass er es sich ausgeliehen hat, kam ihrem Kollegen nicht in den Sinn?“
„Anscheinend nicht.“
„Wurde schon der Besitzer kontaktiert? Haben sie überprüft, ob das Fahrzeug zur Fahndung ausgeschrieben ist?“
„Anscheinend hat Kommissar Spree das versäumt.“
„Wohl eher unterlassen?“, konterte Katrin scharf.
„Was hat es mit dem Vorwurf des Verstoßes gegen das Waffengesetz auf sich?“
Polizeiobermeister Ber blätterte in den Unterlagen: „Kommissar Spree hat bei ihrem Mandanten einen Revolver sichergestellt.“
„Können Sie bitte mir die Waffe zeigen?“
„Sie müsste bei den Beweismitteln von Kommissar Spree sein.“
„Dann holen Sie sie bitte.“
Nachdem Ber den Raum verlassen hatte fragte Crowbar: „Katrin, was hast du vor?“
„Ich will beweisen, dass Spree unsauber arbeitet und dich hier rausholen.“
Ber betrat den Raum, Crowbars Revolver in der Hand: „Der Kollege Müller hat inzwischen den Besitzer des Motorrades kontaktieren lassen. Der sagt, dass er das Motorrad heute Herrn Schmudinsky zu einer Ausfahrt überlassen hat.“
„Sehr schön, also wird die Anzeige wegen Schwerem Diebstahl fallen gelassen?“
„Ja, aber was wollen Sie damit?“, fragte Polizeiobermeister Ber und hielt Crowbars Waffe hoch.
„Was ist das für eine Waffe?“, fragte Katrin.
„Ein Colt?“, antwortete Polizeiobermeister Ber fragend.
„Was für ein Volltrottel. Und der darf scharfe Waffen führen.“, dachte sich Crowbar.
„Herr Ber, was steht da auf dem Lauf der Waffe in ihrer Hand?“, fragte Dr. Reider
„Zoraki R1.“
„Und auf der anderen Seite?“
„Cal. 9mm Blank 4,5 Gänsefüßchen oben.“
Während Dr. Reider ihre Fragen stellte, tippte sie auf ihrem Smartphone.
Schließlich zeigte sie Polizeiobermeister Ber triumphierend ihr Handy: „Das ist die Munitionsangabe und die Lauflänge, das steht für Schreckschusspatronen für Revolver mit einem Durchmesser von 9mm und die 4,5 Gänsefüßchen geben einen 4,5 Zoll langen Lauf an, also etwa 11,5cm.“
„Wenn also Ihr Kollege die Waffe entladen hätte, dann hätte er feststellen müssen, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelt, für die man keinen Großen Waffenschein benötigt.“
Polizeiobermeister Ber witterte Morgenluft: „Ja, aber einen Kleinen Waffenschein.“
„Hat mein Mandant denn keinen?“
„Ähm, das müsste ich prüfen. Wenn ja, müsste er ihn ja bei sich haben.“
„Im Portemonnaie.“, merkte Crowbar an.
Polizeiobermeister Ber holte Crowbars Portemonnaie und breitete den Inhalt auf dem Tisch aus.
„Ein Personalausweis, eine Kundekarte von Louis, einen Organspendeausweis, zwei Kondome, eine Kundenkarte von einem Döner, oh …“
Ber hielt Crowbars Kleinen Waffenschein in der Hand.
„Dann hätten wir also nur noch eine Anzeige und eine Dienstaufsichtsbeschwerde im Raum.“, kommentiert Dr. Reider Bers Erkenntnis.
„Wie bitte? Sie haben doch soeben alle Vorwürfe gegen ihren Klienten als haltlos bewiesen.“, wunderte sich Ber.
„Herr Schmudinsky ist nicht mein Klient, er ist mein Mandant!“, fauchte Katrin Polizeiobermeister Ber an, „Die Anzeige, die ich meine, ist eine Anzeige wegen Körperverletzung im Amt und eine Dienstaufsichtsbeschwerde für die ungerechtfertigte Ingewahrsamnahme meines Mandanten.“
„Aber Frau Anwältin, das führt doch zu nichts.“
„Doch, nämlich zu jeder Menge Papierkrieg für Sie und zu sehr unschönen Einträgen in Ihre geliebten Personalakten, Herr Ber.“
Polizeiobermeister Ber ließ erkennen, dass Katrin seinen wunden Punkt getroffen hatte.
Crowbar mischte sich ein: „Herr Ber, ich hätte eine wunderbare Idee, wie wir alle tiefenentspannt aus dieser für uns alle unschönen Situation herauskommen.“
Katrin und Polizeiobermeister Ber guckten Crowbar argwöhnisch an.
„Und das wäre?“, fragte Ber vorsichtig.
„Sie und ihre Kollegen vergessen alles, was heute passiert ist. Und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem ihr unseliger Kollege, der Herr Spree, mich unnötigerweise überholt und angehalten hat. Im Gegenzug werden Frau Dr. Reider und ich ebenfalls alles vergessen, was ab diesem Zeitpunkt passiert ist.“
Währenddessen hatte Crowbar angefangen, den Inhalt seines Portemonnaies einzusortieren: „Ach ja, was mir gerade noch einfällt, ich vermisse mein Spritgeld in Form von zwei 20€-Scheinen, zwei 10€-Scheinen und zwei 5€-Scheinen. Ich vermute, der Kollege Spree hat sie separat in seiner Hosentasche sichergestellt, oder so.“
„Echt jetzt?“, fragte Katrin.
„Ich hab ihn durch die Zellentür gehört.“
Polizeiobermeister Bers Gesicht verfinsterte sich und er verließ eilig den Raum.
„Mach jetzt bloß keinen Scheiß, du bist fast draußen.“
„Keine Sorge, ich glaube der Spree ist der Einzige, der sich derzeit Sorgen machen sollte.“
Kurz nachdem Crowbar seine Habseligkeiten verstaut hatte, kam Polizeiobermeister Ber zurück und drückte Crowbar seine 70€ in die Hand: „Zu keinem ein Wort!“
„Kein Problem, Sie könne sich das Geld bei ihrem Kollegen zurückholen.“
„Das hab ich bereits.“
In Begleitung von Polizeiobermeister Ber gingen sie zum Hof, in dem Crowbars Motorrad sichergestellt war. Es stand mit dem Vorderrad zur Wand.
„Ich werde es nie verstehen, warum Menschen ohne Not ihr Motorrad entgegen der Abfahrtrichtung abstellen.“
„Deine Sorgen möchte ich haben.“
„Sicher?“
„Nein, lass gut sein. Wie regeln wir das mit der Bezahlung?“
„Definitiv nicht hier, Feind hört mit. Wo steht deine Maschine? Ich fahr dich hin.“
„Die paar Meter kann ich auch laufen.“
„Mensch Katrin, es ist kalt, dunkel und hier treibt sich das übelste Gesocks von ganz Chorweiler rum, und die Kriminellen erst.“
„Na gut, wenn es dich glücklich macht.“
Katrin setzte ihren Helm auf und schwang sich hinten auf Crowbars Harley.
Crowbar drückte den Startknopf und „Sweet Gwendoline“ fing mit einem sanftem Bass zu blubbern an. Als sie am elektrischen Tor ankamen, öffnete es sich langsam. Sobald seine Maschine durchpasste, brauste er in Richtung Freiheit und Katrins Parkplatz.
Nachdem Katrin abgestiegen war fragte er: „Brauchst du eine Rechnung oder möchte du, dass wir das unter uns regeln?“
„Zweiteres, du hast eh keine Kohle und ich möchte nicht wissen, wie tief du bei Hammer und Ratchet in der Kreide stehst.“
„Also gut, du hast eine großen Gefallen gut bei mir Um Ratchet und Hammer mach dir keine Sorgen, bei Hammer müsste ich sogar noch was gut haben.“
„Na dann wünsche ich dir noch eine gute Fahrt und halte dich von Ärger fern.“
„Du kennst mich.“
„Genau deswegen.“
„Jaja, ich wünsche dir auch eine gute Fahrt und immer eine Handbreit Luft zwischen dir und dem Asphalt.“
Crowbar wartete, bis Katrin ihre Maschine gestartet hatte und begleitete sie noch bis zur B9, um ab dort über die A1 und die A3 nach Bonn zu fahren.