Chapter 19
Crowbar schloss das Tor der Deponie hinter ihnen und fuhr Sonja zum geparkten BMW, der umgeben von meterhohen Bauschuttresten auf sie wartete.
Als Sonja und Crowbar sich zu Fuß näherten, hörten sie, wie Pascal von innen gegen die Kofferraumklappe hämmerte, um auf sich aufmerksam zu machen. Er wusste nicht, dass es nichts brachte. Crowbar stellte den Spritkanister neben sich ab. Mit Pascals Schlüssel entriegelte er das Fahrzeug. Vorsichtig öffnete er den Kofferraum. Pascal versuchte rauszuspringen. Das misslang, er war völlig steif, nachdem er stundenlang fast bewegungslos und ohne Essen oder Trinken bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Kofferraum gelegen hatte. Als er versuchte, Crowbar an die Kehle zu gehen, verpasste der ihm eine wohldosierten Schlag mit seinem Nageleisen und holte ihn aus dem Kofferraum. Am Kragen seiner Winterjacke schleifte Crowbar Pascal zu einem Radlader und fesselte ihn an die Anhängerkupplung. Als er sich sicher war, dass Pascal sich nicht losreißen konnte, versuchte er ihn mit ein paar Ohrfeigen zu wecken. Als das nichts half, verpasste er ihm einen Tritt in die Eier. Mit einem schmerzerfüllten Jaulen kam Pascal zu sich.
„Guten Morgen, Dornröschen. Na, gut geschlafen? Hoffentlich nicht.“
Pascal versuchte sich zu orientieren. Er bemerkte, dass er sich nicht wirklich bewegen konnte und dass Sonja auch anwesend war.
Er warf ihr einen giftigen Blick zu: „Schlampe, wenn ich dich in die Finger kriege dann …“
Er bekam den Satz nicht zu Ende, da er durch einen Tritt in den Magen durch Crowbar unterbrochen wurde: „Na, na, na, keine bösen Worte.“
„Was bist du? Ihr Zuhälter?“
Für diesen Spruch brach Crowbar ihm die Nase mit seinem Nageleisen.
„Also Freundchen, du hast mir da neulich sehr weh getan, das war echt nicht nett. Und du hast mein Motorrad demoliert, was ebenfalls nicht sehr nett ist. Weder ich noch mein Motorrad haben dir etwas getan. Wie du mittlerweile mitbekommen haben dürftest, bin ich ein Mann der Tat und nicht der Klage.“
„Und deswegen fällst du über Wehrlose her?“
„Du sei mal ganz ruhig, du Clown.“
Crowbar ging zu seinem Roller und nahm sein großes Nageleisen in die Hand. Tiefenentspannt schlenderte er zum BMW.
Er tippte gegen den verbeulten linken Kotflügel: „Zur Erinnerung, das hier war nicht ich, das warst du.“
„Aber das hier!“, er schlug den linken Außenspiegel ab.
„NEIIIN!“, brüllte Pascal.
„Das hier“, er schlug die Scheibe der Fahrertür ein, „und das hier“, ein gezielter Schlag in eine der Ecken ließ die Heckscheibe zersplittern, „das war ich.“
Pascal hing brüllend in seinen Fesseln: “DU SCHWEIN, DU ARSCHLOCH!“
Nun schnappte sich Crowbar den Kanister und begann das Benzin im Innenraum des Fahrzeugs zu verteilen.
Als er das Benzin über die Sitze verteilte, brüllte Pascal weiter: „Bist du bescheuert? Die Sitze sind aus Nappaleder!“
„Glaub mir, Kleiner, wenn ich mit dir fertig bin, ist das eines deiner eher geringeren Probleme.“
Nachdem das Benzin verteilt war, holte Crowbar Waynes Bengalo vom Roller.
Er fragte Sonja: „Weißt du, was das ist?“
„Ein Schläger für irgend etwas?“
„Nein, aber dennoch ist es der Hit.“
Sonja musste schmunzeln und zeigte darauf: „Okay was macht das?“
Crowbar drehte sich so, dass auch Pascal mitbekam, was vor sich ging.
„Diese tolle Stück Technologie ist ein Bengalo.“, fing Crowbar an zu dozieren, „Es brennt mit Temperaturen zwischen 1600°C und 2500°C. Zur Einordnung, Stahl schmilzt bei 1200°C und die Zündtemperatur von Benzin liegt bei circa 220°C.“
„Du willst damit sein Auto abfackeln.“
„Nein, du.“, Crowbar reichte Sonja das Bengalo.
„Ich weiß nicht wie das funktioniert.“
„Vorne anzünden und in das Auto werfen. Es ist eigentlich nur eine Wunderkerze auf Steroiden.“
„Ich trau mich nicht.“
„Gib mir mal das Feuerzeug.“
Sonja gab ihm das Feuerzeug von der Tankstelle und Crowbar entfachte die Fackel. Mit lauten Zischen und hellem Lichtschein fing die Fackel an zu brennen. Sonja hielt sie ängstlich von sich weg. Crowbar nahm sie ihr vorsichtig ab und warf sie in den BMW. Das Benzin flammte sofort auf und das Feuer verbreitete sich rasend schnell.
„Wird der Tank nicht explodieren?“, fragte Sonja, als durch die Hitze die restlichen Scheiben verabschiedeten.
„Hm, stimmt.“, antwortete Crowbar.
Er brachte sie hinter dem Radlader in Deckung. Eine halbe Minute später knallte es laut und drei Meter neben ihnen landete die Tankklappe klappernd auf dem Boden.
„Hätten sich das auch erledigt, die Gefahr besteht nicht mehr.“
Crowbar half Sonja beim Klettern auf den Radlader, um einen besseren Blick auf das brennende Wrack und einen Sitzplatz zu haben.
„Keks?“, bot Crowbar Sonja einen an.
„Hast du die extra gekauft?“
„Nö, die sind eine kleine Entschuldigung des Tankstellenverkäufers wegen der Scherereien, die er mir gemacht hat. Er weiß es nur noch nicht.“
Sonja lachte über Crowbars Dreistigkeit. Unten jammerte und heulte Pascal seinem brennenden Auto hinterher.
„Na, hab ich dir zu viel versprochen? Er schreit, jammert und flennt wie ein kleines Kind.“
Crowbar brüllte zu Pascal: „Hör auf, hier so unromantisch rumzuflennen, manche wollen hier die Ramontik genießen, du Lappen!“
Nachdem das Feuer im BMW etwas kleiner geworden war und die Kekse leer waren, hatte sich Sonjas Blick verdüstert und sie sagte: „Ich bräuchte bitte ein letztes Mal deine Hilfe, um es zu beenden.“
„Wow, was hast du vor?“
„Ich erkläre ihm, dass ich Schluss mache, so dass er es begreift.“
Sie stiegen vom Radlader und gingen zu Pascal, der verheult wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hatte, da saß. Er guckte Crowbar ängstlich an.
„Schneid ihn bitte los und hilf ihm auf.“, sagte Sonja.
Crowbar hatte keine Ahnung, was Sonja vor hatte. Crowbar tat, wie ihm gesagt wurde, löste Pascal vom Radlader und holte ihn auf die Beine. Von der Nacht unterkühlt und von Crowbars Tritten und Schlägen verletzt, hing er mehr an Crowbar, als er stand.
„Mir ist in den letzten Tages einiges klar geworden. Du bist ein mieses Stück Scheiße …“, Sonja machte eine kurze Pause, „Und dazu eine totale Niete im Bett. Es ist aus zwischen uns!“
Mit dem letzten Satz verpasste sie ihm eine Ohrfeige. Handwerklich verbesserungswürdig, aber Crowbar wusste, dass kein Tritt oder Schlag von ihm Pascal jemals so hart getroffen hätten wie Sonja gerade eben. Crowbar und Sonja ließen Pascal liegen und gingen zu Crowbars Roller. Als sie die Deponie verließen, schlossen sie das Tor nicht ab, damit Pascal, sobald er laufen konnte, ebenfalls das Gelände verlassen konnte. Nach einer kurzen Fahrt standen sie vor Sonjas Haus.
Während sie sich die Handschuhe und den Nierengurt auszog, sagte sie: „Das war ein sehr netter Ausflug, können wir das mal im Sommer machen?“
„Klar, aber noch so einen Idioten mit so einen hässlichen Auto zu finden, dürfte schwierig werden.“
„Magst du noch auf einen Kaffee mit hochkommen?“
In diesem Moment klingelte Crowbars Telefon, es war Ratchet: „Ey Crowbar alte Hütte, wo steckst du?“
„Düsseldorf, warum?“
„Ich hab gute Neuigkeiten, die Ersatzteile sind heute schon gekommen, wir können gleich dein Baby reparieren.“
„Ich mache mich auf den Weg.“
Nachdem Crowbar aufgelegt hatte wandte er an Sonja: „Das ist ein überaus reizendes Angebot aber …“
„… aber ich bin keine Harley-Davidson.“, beendete Sonja den Satz.
„Intelligent, hübsch und smart. Ich sehe, wir verstehen uns. Ich wünsche dir noch ein zauberhaftes Wochenende. Wenn mal was ist oder du Bock zum Plaudern hast, ruf durch!“
Crowbar ging zum Roller und begann, alles für die Fahrt zu verstauen und zu verzurren. Sonja guckte kurz zu, dann ging sie auf ihn zu und nahm ihn in die Arme.
„Danke für alles!“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Nicht dafür“, sagte Crowbar und streichelte ihren Rücken, „nutze die Chance und bau keinen Scheiß.“
Als sich sich voneinander gelöst hatten rief Sonja noch über den Motorenlärm des Roller hinweg: „Gute Fahrt!“
Crowbar winkte ihr zum Abschied und fuhr los. Aus irgendeinem unbekannten Grund kam Sonja ein Rocksong in den Sinn, den ihr Onkel in seiner Garage immer gern gehört hatte.
„Get your motor runnin‘
Head out on the highway
Looking for adventure
In whatever comes our way
Yeah, darlin‘ gonna make it happen
Take the world in a love embrace
Fire all of your guns at once
And explode into space …“
Ende